Während in den Nachbardisziplinen schon seit einigen Jahren der Begriff der Praxis diskutiert wird, ist die Anzahl der Arbeiten in der Politikwissenschaft, die sich explizit und detailliert mit den praxeologischen Sozialtheorien beschäftigen, weiterhin übersichtlich. Dies ist bedauerlich, denn die praxistheoretischen Perspektiven würden es der Politikwissenschaft ermöglichen, über den Begriff der Praxis deutlich mehr der Vielfalt, Vielschichtigkeit und komplexen Dynamiken politischer Phänomene zu erfassen.
Mitttels des Begriffs der Praxis verschiebt sich der sozialwissenschaftliche Analysefokus – nicht mehr das individuelle Handeln oder Strukturen werden als Erklärungsansatz für soziale Phänomene in den Blick genommen, sondern die Handlungspraxis der Subjekte, eingebettet in die vergangenen, aktuellen und sie umgebenden Praxissituationen mit all ihrer Komplexität und Dynamik. Soziale Praxis ist der Ort des Sozialen. Die Frage von Kontinuität und Wandel einer sozialen Ordnung, also wie sich das Soziale konstituiert, findet sich demnach in den unendlich vielen Praxissituationen einer Gesellschaft beantwortet. Aus dieser anti-essentialistischen Perspektive einer „flachen Ontologie“ des Sozialen (Vgl. Schatzki) ist es nicht möglich, einem bestimmen Ort oder Phänomen des Sozialen a priori besondere Prägekraft für die Konstitution einer sozialen Ordnung zuzuschreiben. Es ist vielmehr eine auf soziale Praxis bezogene empirische Frage.
Die praxeologische Forschungsperspektive fokussiert dabei nach Reckwitz den Blick auf die Bewältigung konkreter sozialer Praxis, die durch Aspekte und Dynamiken geprägt ist, die zwar schon immer Teil des Sozialen waren, aber bislang nicht hinreichend beachtet wurden.
Die Körper der Subjekte werden für verschiedenste Handlungen kompetent gemacht, in ihnen schreiben sich Kompetenzen, Wissen, Intuitionen und Routinen ein. Gerade deshalb sind Körper essentieller und vor allem prägender Bestandteil jeder sozialen Interaktion. Ähnlich verhält es sich mit Artefakten als zweite Seite der Materialität des Sozialen, denn spezifische Artefakte ermöglichen in jeweils spezifischen Situationen bestimmte Interaktionsdynamiken. Zentral für die Bewältigung von Praxissituationen ist das im Regelfall implizite praktische Wissen. Unter diesem Begriff versammelt sich beispielsweise das interpretative Verstehen von Bedeutungen eingesetzter Gesten, Gegenstände oder Rollen sowie skript-förmiges Wissen über die „richtige“ Abfolge von Handlungen und nicht zuletzt das emotional-affektive Gespür für das Ziel und das Angemessene in der spezifischen Praxissituation.
Abschlussarbeiten im Bereich der praxistheoretischen Ansätze bietet sich eine Vielzahl an Anzatzpunkten, um spannende Analysen bekannter politischer Phänomene zu erstellen. Gleichzeitig können diese Abschlussarbeiten auf ein reichhaltiges sozialtheoretisches und methodisches Programm der praxistheoretischen Ansätze zurück greifen.
Empfehlung zum Einstieg in das Thema
- Reckwitz, Andreas (2003): Grundelemente einer Theorie sozialer Praktiken. Eine sozialtheoretische Perspektive, in: Zeitschrift für Soziologie 2003, Jg. 32, H. 4, S. 282- 301.
- Leger, Matthias. (2024). Praxistheorie, in: Sonnberger, Marco et al. (Hrsg.) Handbuch Umweltsoziologie. Springer VS: Wiesbaden 2024, S. 49-62.
- Hagemann, Ingmar: Praxistheoretische Politikwissenschaften, in: theorieblog (2017).
- Weitere aktuelle Literatur findest Du hier.