{"id":995,"date":"2026-03-11T22:22:40","date_gmt":"2026-03-11T21:22:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ingmar-hagemann.de\/wordpress\/?page_id=995"},"modified":"2026-03-11T22:22:40","modified_gmt":"2026-03-11T21:22:40","slug":"praxis-der-kritik-luc-boltanskis-soziologie-der-kritik-und-die-politische-praxis","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.ingmar-hagemann.de\/wordpress\/praxis-der-kritik-luc-boltanskis-soziologie-der-kritik-und-die-politische-praxis\/","title":{"rendered":"Praxis der Kritik. Luc Boltanskis Soziologie der Kritik und die politische Praxis."},"content":{"rendered":"\n<p>In den vergangenen Jahren wurde mit der pragmatischen Soziologie der Kritik von Luc Boltanski ein Ansatz entwickelt, der eine neue Perspektive auf die soziale Praxis der Kritik er\u00f6ffnet.<br><br>Die Unterschiede zu etablierten Praktiken der Kritik und ihrer Perspektivierung manifestieren sich vornehmlich in zwei Dimensionen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Boltanskis praxeologischer Ansatz verortet den Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis des Sozialen in den jeweils spezifischen Interaktionen zwischen Subjekten, Objekten und ihrem geteilten Kontext. Das Soziale erscheint ihm somit weniger pr\u00e4determiniert oder verfestigt, sondern ist per se fragil, unsicher und ereignishaft. Genau aus diesem Grund m\u00fcssen wissenschaftliche Analysen m\u00f6glichst nah am Gegenstand ansetzen, um alle wesentlichen Determinanten der jeweiligen Interaktionspraxis zu erfassen.<\/li>\n\n\n\n<li>Ein derartiges Verst\u00e4ndnis des Sozialen f\u00fchrt zu einer Lesart von Kritik, die letztere nicht als Ausnahmefall, sondern vielmehr als vielf\u00e4ltige, dauerhafte und das Soziale konstituierende Praxis beschreibt. Subjekte artikulieren Kritik vor dem Hintergrund intersubjektiv geteilter und allgemein akzeptierter Rechtfertigungsordnungen. Sie greifen auf ebenjene Ordnungen zur\u00fcck, um ihre Kritik zu qualifizieren, sich zu rechtfertigen oder Pr\u00fcfungen und Kompromisse einzuleiten.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p><br>Beide Dimensionen f\u00fchren zu einem deutlich aktiveren Subjektverst\u00e4ndnis als bei strukturalistischen oder diskurstheoretischen Ans\u00e4tzen. Ma\u00dfgeblich f\u00fcr erfolgswahrscheinliche Kritik ist die Kongruenz von modifiziertem Rechtfertigungsmuster einerseits und Rechtfertigungssituation andererseits. Das Subjekt ist demnach fortw\u00e4hrend bestrebt, in der konkreten Rechtfertigungspraxis genau diese Passgenauigkeit herzustellen, wobei es permanent mit der Komplexit\u00e4t und Unsicherheit dieser Praxis konfrontiert wird.<br><br>Verschiebungen in der Rechtfertigungspraxis \u2013 verstanden als Zusammenspiel von Rechtfertigungsordnungen und ihrer konkreten lokalen Adaption in kritischer Praxis \u2013 f\u00fchren auch zu Ver\u00e4nderungen in der sozialen Ordnung. Jene Rechtfertigungsordnungen, die sich in der kritischen Praxis bew\u00e4hren, pr\u00e4gen in der Summe ihrer Anwendungen das Bild von Gesellschaften. In diesem Sinne sind Verschiebungen in Rechtfertigungsordnungen explizit politische Ph\u00e4nomene. Der Unterschied zu g\u00e4ngigen diskurstheoretischen Ans\u00e4tzen besteht darin, dass sowohl der Ursprung der Verschiebungen wie auch der Ansatzpunkt der wissenschaftlichen Analyse in der kritischen Praxis angelegt ist.<br>Damit wird die Soziologie der Kritik zu einem Ansatz, der Ph\u00e4nomene der unmittelbaren Artikulationspraxis von Subjekten beobachtet und diese Beobachtungen f\u00fcr die Analyse gesamtgesellschaftlicher Ph\u00e4nomene verdichtet und greifbar macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Forschungsprojekte sind bspw. in folgenden Bereichen denkbar:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Welche Anwendungen von Boltanskis Modell auf Ph\u00e4nomene politischer Praxis sind denkbar? Wie k\u00f6nnen diese analytisch\/methodisch umgesetzt werden?<\/li>\n\n\n\n<li>Wie kann aus der Perspektive der Soziologie der Kritik ein Verst\u00e4ndnis von Demokratie\/demokratischer Praxis entwickelt werden?<\/li>\n\n\n\n<li>Welche Folgen hat Boltanskis Idee von Institutionen als kontingenz-verschleiernden Instanzen f\u00fcr das g\u00e4ngige Bild des politisch-administrativen Systems?<\/li>\n\n\n\n<li>Inwieweit k\u00f6nnen Verschiebungen sozialer Ordnungen auf kritische Praxis zur\u00fcckgef\u00fchrt werden? Wo wirkt kritische Praxis gesellschaftsver\u00e4ndernd?<\/li>\n\n\n\n<li>Wie k\u00f6nnen soziale Bewegungen aus der Perspektive der Soziologie der Kritik analysiert werden?<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p><strong>Empfehlung zum Einstieg in das Thema<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Bogusz, T. (2010). Zur Aktualit\u00e4t von Luc Boltanski. Einleitung in sein Werk. Wiesbaden: VS.<\/li>\n\n\n\n<li>Boltanski, L. \/&nbsp; Chiapello, E. (2006). Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz: Herbert von Halem Verlag.<\/li>\n\n\n\n<li>Celikates, R. (2009). Kritik als soziale Praxis. Gesellschaftliche Selbstverst\u00e4ndigung und kritische Theorie. Frankfurt am Main: Campus Verlag.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den vergangenen Jahren wurde mit der pragmatischen Soziologie der Kritik von Luc Boltanski ein Ansatz entwickelt, der eine neue Perspektive auf die soziale Praxis der Kritik er\u00f6ffnet. 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