Neue Publikation im FJSB: Poststrukturalistische Perspektiven auf soziale Bewegungen

Leinius, Johanna; Vey, Judith; Hagemann, Ingmar: Poststrukturalistische  Perspektiven auf soziale Bewegungen: Plädoyer für eine notwendige Blickverschiebung (FJSB 4/2017, 6-20), als Open Access online verfügbar

Die westliche wissenschaftliche Analyse sozialer Bewegungen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark ausdifferenziert und weiterentwickelt. Impulse anderer wissenschaftlicher Debatten, wie zum Beispiel die zentrale Rolle der Interpretation sozialer Phänomene, wurden aufgenommen und verfeinert, so zum Beispiel im „Framing”-Ansatz (Benford/Snow 2000: 611ff.). Neuere Forschungsansätze haben analytische Werkzeuge erarbeitet, welche das „Phänomen der sozialen Bewegungen” umfassender in den Blick nehmen als noch vor einigen Jahrzehnten möglich war.
In diesem Artikel werden wir jedoch argumentieren, dass einige wichtige Aspekte des Untersuchungsgegenstandes „soziale Bewegungen” mittels der etablierten Forschungsansätze nicht erfasst werden können. Dazu gehören beispielsweise das Verständnis sozialer Bewegungen als Ausdruck gesamtgesellschaftlicher Dynamiken und die daraus folgende Notwendigkeit einer explizit gesellschaftstheoretisch angelegten Analyseperspektive, die komplexe Wechselbeziehung von sozialer Struktur und Subjekt und die daraus resultierende Negierung der Annahme von feststehenden, vor der Mobilisierung bereits bestehenden und objektiv erfassbaren Identitäten, oder die zentrale Bedeutung von Macht für die Formierung von sozialen Bewegungen und ihren Subjekten.
Durch poststrukturalistische Arbeiten, die eine „konzeptuellen Blickverschiebung” (Moebius/Reckwitz 2008: 13) entlang einer „radikalen Kontingenzakzeptanz” (Marchart 2013: 49) vornehmen, konnten die oben angedeuteten blinden Flecken der Bewegungsforschung zumindest teilweise beleuchtet werden. Es gibt also durchaus Arbeiten der Bewegungsforschung, welche auf einer poststrukturalistischen Perspektive beruhen, und manche ihrer Impulse wurden auch in den breiteren Forschungskanon aufgenommen. Eine systematische Diskussion und Erfassung des Mehrwerts von poststrukturalistischen Perspektiven für die Analyse sozialer Bewegungen steht jedoch weiterhin aus.
Der vorliegende Artikel möchte dementsprechend ein möglichst systematisches Bild des heterogenen Feldes der poststrukturalistischen Perspektiven in ihrer Anwendung auf soziale Bewegungen zeichnen. Dabei werden die entsprechenden theoretischen Ansätze nur kurz skizziert – das Hauptaugenmerk soll auf dem analytischen Mehrwert der Ansätze für soziale Bewegungsforschung liegen. Entsprechend soll erörtert werden, welche Aspekte sozialer Bewegungen erfasst werden, wenn mit Hilfe poststrukturalistischer Perspektiven soziale Bewegungen analysiert werden. Gemäß der oben skizzierten kritischen Einschätzung der aktuellen Lage in der Bewegungsforschung wird dies entlang der These diskutiert, dass mittels poststrukturalistischer Perspektiven bislang nicht ausreichend beachtete – für das Verständnis sozialer Bewegungen jedoch essentielle – Aspekte dieses sozialen Phänomens in den Blick genommen werden können.
In Kapitel 2 rekonstruieren wir das Feld der Bewegungsforschung und arbeiten auf dieser Basis fünf wesentliche Punkte heraus, an denen die bisherige Praxis der Bewegungsforschung an ihre Grenzen gerät. Kapitel 3 skizziert die wesentlichen Gemeinsamkeiten, die poststrukturalistische Perspektiven in ihrer konzeptuellen Blickverschiebung teilen. In Kapitel 4 werden die oben identifizierten fünf Punkte wieder aufgenommen. Entlang der vielfältigen poststrukturalistischen Forschungspraxis wird illustriert, wie poststrukturalistische Arbeiten das Phänomen sozialer Bewegungen aus bislang wenig erhellten Perspektiven in den Blick nehmen.

Leinius, Johanna; Vey, Judith; Hagemann, Ingmar: Poststrukturalistische  Perspektiven auf soziale Bewegungen: Plädoyer für eine notwendige Blickverschiebung (FJSB 4/2017, 6-20), als Open Access online verfügbar

Hinterlasse eine Antwort