Neue Ausgabe der Zeitschrift diskurs: Das Politische neu entdecken

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Editorial

Das Politische lässt sich nicht auf bestimmte Orte, Phänomene oder Akteure reduzieren. Es kann und muss vielmehr in immer wieder neuen Konstellationen, aus neuen wissenschaftlichen Perspektiven und in sich fortwährend wandelnden sozialen Dynamiken entdeckt werden. Politikwissenschaft ist in dieser Lesart nicht die Beobachtung eines bestimmten Systems, sondern vielmehr eine offene Suchbewegung, die aus immer wieder neuen empirischen und theoretischen Perspektiven Phänomenen politischer Praxis – also dem nie abgeschlossenen Ringen um die Konstituierung sozialer Ordnungen – auf der Spur bleibt.
In den vergangenen Jahren mehren sich die Zeichen, dass sich Teile der Politikwissenschaft auf eine derartige offene Suchbewegung einlassen. Einige Beispiele illustrieren dies:

  • Durch die Integration sozial- und kutlurtheoretischer Ansätze wurden neue Perspektiven auf soziale Phänomene erschlossen, die politische Praxis an ungewohnten Orten zu entdecken hilft: beispielsweise die Akteur-Netzwerk-Theorie: mit ihrer Hilfe wird es erstmals möglich, innerhalb eines angemessenen Modells die politische Praxis von Subjekten und Objekten als Aktanten zu beschreiben.
  • Das Portfolio an Methoden wird zusehends breiter. Diskursanalytische, hegemonietheoretische, praxeologische oder ethnomethodologische Ansätzen werden selbstverständlich und verändern unser Bild des Politischen.
    All diesen Methoden ist gemein, dass sie die oftmals bestehende Trennung von Theorie und Empirie in beide Richtungen aufbrechen: Empirisch-analytische Arbeiten argumentieren vermehrt theoriegeleitet (bspw. Diskursanalysen) und theoretisch ausgerichtete Ansätze sind empirisch gesättigt (bspw. Soziologie der Kritik)
  • Auch auf der Ebene des wissenschaftlichen Selbstverständnisses sind erhebliche Veränderungen zu beobachten. So wird in einigen Ansätzen die Idee der privilegierten wissenschaftlichen Beobachterperspektive gänzlich aufgegeben und den Akteuren / Subjekten deutlich mehr Autonomie und Reflektionsfähigkeit zugeschrieben (wiederum bspw. Soziologie der Kritik). Viele Ansätzen sind zugleich dadurch charakterisiert, dass sie eine neutrale diskursive Position der Wissenschaft negieren und damit die eigene wissenschaftliche Praxis auch als politische Intervention denken (müssen).

Diese keinesfalls abschließende und sicherlich durch die wissenschaftliche Verortung der Herausgeber geprägte Liste an Beispielen zeichnet ein äußerst vielfältiges und vitales Bild der aktuellen wissenschaftlichen Praxis, die sich vermehrt der Vielfalt politischer Praxis öffnet.
Die Zeitschrift diskurs versteht sich als Teil dieser Öffnung und möchte nach Kräften dazu beitragen, derartigen Ansätzen Sichtbarkeit zu verschaffen. In diesem ersten Heft nach der Neuausrichtung von diskurs versammeln wir verschiedene Beispiele theoretisch innovativer Analysen, die alle in ihrer jeweils eigenen Weise Aspekte des Politischen neu entdecken.

Ingmar Hagemann

 

Inhalt dieser Ausgabe

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Artikel

Die Hegemonietheorie als nützliches Instrument für die demokratische Praxis.
Für eine pragmatische Interpretation des Verhältnisses von Hegemonietheorie und radikaler Demokratie bei Chantal Mouffe
Jan Obracaj

Theoretische Reflexion und politische Praxis als Dialektik von Aufstand und Verfassung.
Die politische Philosophie des Étienne Balibar
Heiko Stubenrauch

Entpolitisierte Abstinenz oder politische Partizipation qua Konsum?
Ein Desiderat zur Erforschung politischen Engagements im Neoliberalismus
Harald Strauß

Rezensionen

NGOs und soziale Bewegungen im Spannungsfeld von Hegemonie und Gegen-Hegemonie – Ein Beitrag zur Analyse von Kritik und (gegen-)hegemonialer Praxis
Rezension zu: Bedall, Philip 2014: Climate Justice vs. Klimaneoliberalismus Klimadiskurse im Spannungsfeld von Hegemonie und Gegen-Hegemonie. Bielefeld: transcipt.
Timmo Krüger

 

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