Konstruktivistische Theorie und politische Praxis. Ist eine konstruktivistisch orientierte Praxis denkbar?

Konstruktivistische Theorie und politische Praxis. Ist eine konstruktivistisch orientierte Praxis denkbar?

Konstruktivistische Modelle haben die Perspektive auf soziale „Wirklichkeit“ dahingehend verschoben, dass nun die Prozesse des Aushandels von Wirklichkeit den Schwerpunkt der Analyse des Sozialen bilden. Selbstwahrnehmung bzw. Selbstbeschreibung einer Gemeinschaft ist demgemäß nicht Abbild einer objekten Realität, sondern Objekt strategischer Auseinandersetzungen von Subjekten, Akteuren und vor allem diskursiver Dynamiken.

Wissen und Handeln
Die Frage, was gesellschaftliche Wirklichkeit ist bzw. wie Wissen entsteht, bildet entsprechend die Kernproblematik konstruktivistischer Ansätze. Viele Diskussionen begrenzen sich jedoch auf den akademisch-theoretischen Diskurs – die Frage konkreter Handlungsempfehlungen, Orientierung und damit Praxis wird vermieden.
Nun ist Wissen bzw. (theoretische) Wissenschaft eng mit sozialer Praxis verwoben: Wissenschaft wird immer auch mit der Frage nach Orientierung konfrontiert. Die Form und Ausgestaltung des etablierten, als legitim akzeptierten Wissenskanons einer Gemeinschaft determiniert die Grenzen des Denk- und Sagbaren und entsprechend auch das Portfolio möglicher Handlungen. Ohne Wissen also kein Handeln. Eine Theorie, die sich der Genese von „Wirklichkeit“ widmet, diskutiert entsprechend auch notwendig die Frage des Handelns. Ein Beispiel: Wenn die Systemthorie Gesellschaft als komplex bzw. eher als zu komplex, um diese zu steuern beschreibt, hat dies Implikationen für die als legitim und plausibel erachteten politischen Handlungsoptionen. Die Rationalität von und die Chance auf erfolgswahrscheinliche Intervention wird entsprechend eingeschätzt und ggf. in (Nicht-)Handeln überführt. Demgegenüber kann auch das Konzept des Subjekts die Handlungspraxis desselben prägen: die Foucaultsche Beschreibung des Subjekts als Kernobjekt der Ein- und Fortschreibung diskursiver Macht- und Herrschaftstechniken hinterfragt ohne Frage das Konzept des freien Subjekts, was sicherlich nicht ohne – wie auch immer geartete – Folgen für die Handlungspraxis ist.

In der Praxis wird Handeln entsprechend konkretisiert um die Problematik des „richtigen“ Handelns – im Kontext des Unentscheidbaren sind Entscheidungen zu treffen, möglichst erfolgswahrscheinlich und zielgerichtet. Es besteht also ein erheblicher Bedarf an Konkretisierung und Orientierung – zugleich bleibt jedoch unklar, ob und inwiefern die konstruktivistische Theorie dies leisten kann oder will.

Zwei Haltungen erscheinen hier denkbar, die nun entlang des Begriffes der Strategie – im Sinne des Versuches des erfolgswahrscheinlichen, geplanten und koordinierten Handelns – konkretisiert werden sollen.

Variante I – Strategie unmöglich
Der konstruktivistische Ansatz verweist auf den Umstand, dass die Aushandlungsprozesse der gesellschaftlichen Wirklichkeit komplex, kontingent, ereignishaft und fluide sind. Entsprechend ist eine erfolgswahrscheinliche Strategie a priori nicht eingrenzbar bzw. die analytische Möglichkeit nachträglicher Zuschreibung von Strategie wird betont. Die Konsequenz dieser Perspektive ist, dass aus konstruktivistischer Perspektive keine Anleitung für die Praxis extrahiert werden kann. Jeglicher Versuch würde die eigenen (erkenntnis-)theoretischen Prämissen negieren und müsste entsprechend jenseits des angemessenen Rahmens dieses theoretischen Ansatzes stehen.

Variante II – Strategie „Theorie als Praxis“
Nun ist der Verweis auf die Unmöglichkeit sicherer Kausalität nur ein Aspekt der konstruktivistschen Theorie: angesichts des Umstandes, dass die Problematik der Praxis nicht immer ignoriert, sondern vielmehr gelöst werden muss – etwa in Fragen emanzipativer Bewegungen, Politikberatung oder eben der Strategie – erscheint eine weitestgehende Abwendung einer wichtigen Theoriefamilie von ebenjener Praxis-Notwendigkeit keine befriedigende Lösung. Es wird daher an dieser Stelle vorgeschlagen, die konstruktivistische Theorie als Praxis zu lesen.

Ergänzend zur oben genannten Erkenntnis der Kontingenz und Komplexität des Sozialen kann aus den erkenntnistheoretischen Prämissen erstens auch ein verbessertes Verständnis des Sozialen abgeleitet werden. Entsprechend entsteht schon allein durch die detaillierte Analyse des Sozialen und Dekonstruktion bestehender gesellschaftlicher Selbstbeschreibungen Raum für Handeln bzw. emanzipative Strategie – ein Aspekt, der auch von der oben genannten (ohne Frage überspitzt dargestellten) strategie- und praxisskeptischen Perspektive zurecht angeführt wird. Ein Beispiel für den Effekt der Dekonstruktion ist die (hegemonietheoretische) Unterscheidung zwischen dem sedimentierten, also gemeinhin als legitim anerkannten Bereich des Sozialen und jenen diskursiven Bereichen, deren Sinn – ggf. auch durch theoretische Analyse und Dekonstruktion – destabilisiert wurde und nun diskursiv neu ausgehandelt werden muss.

Eine Strategiebildung, die die beschriebene soziale Komplexität und Kontingenz mit bedenkt, muss zwangsläufig das eigene Scheitern und nicht-intentionale Folgen – soweit möglich – einplanen. Entsprechend ist eine konstruktivisttisch abgeleitete Strategie versehen mit vielen Sicherheitsnetzen, Rückkopplungs- und Anpassungsschleifen. Breit angelegte Strategien sind weiterhin denkbar, verstehen sich in diesem Sinne aber eher als Summe einzelner, emergenter diskursiver Interventionen.

Zweitens verweist die Wirkungskraft des historischen Aprioris eines Diskurses auf die Notwendigkeit, eine diskursive Formation genau zu durchleuchten und sich in der Strategiebildung auf diesen Kontext passgenau einzustellen. Natürlich ist es für strategische Projekte keine Neuigkeit, dass das operative Terrain bekannt sein muss. Die konstruktivistische Perspektive kann jedoch wichtige Dynamiken und Einflussfaktoren ergänzen – etwa das Verständnis für zentrale Bedeutung diskursiver Aushandlungsprozesse sozialer Wirklichkeit oder die Bedeutung der Konkurrenz von Sinnprojekten für Veränderungsbewegungen sozialer Praxis.

Drittens verweist die konstruktivistische Negation einer objektiven Wirklichkeit direkt auf das Potential der Prägung des Sozialen durch diskursive Intervention. In dieser Lesart ist eine theoretisch orientierte Praxis kein Problem falscher Sicherheit, sondern vielmehr eine bzw. die einzige Chance, das Soziale aktiv zu gestalten. Theorie schafft entsprechend mit Hilfe des theoretischen Modells Orientierung und ermöglicht in diesem Rahmen überhaupt erst Handeln.
Durch diese orientierende Funktion wird zudem das Soziale im Sinne des theoretischen Projekts geprägt. Überspitzt formuliert: Die Passgenauigkeit von Theorie ist einem gewissen Sinne davon abhängig, inwieweit die theoretischen Prämissen zur Leitmaxime konkreter Handlungen werden, da nun gleichzeitig gestaltet werden kann, was zunächst nur abstrakt beschrieben wurde. Theorie als Sinnprojekt schafft sich also bedingt ihre eigene, passgenaue Wirklichkeit (im Sinne des Plausibilisierens von Praxis).
Nicht zuletzt ist jedoch das theoretische Modell kein Produkt eines freien, schöpferischen Aktes, sondern vielmehr eine bestimmte Ausdrucksform einer vorgängigen diskursiven Formation. Aus diskursiver Praxis entsteht also ein theoretisches Modell, dass als Hintergrundfolie wiederum für mögliche soziale Praxis genutzt werden kann. Praxis bedingt also Theorie und Theorie wird reartikuliert und konkretisiert durch Praxis, welche wiederum Theorie prägt. Theorie und Praxis sind entsprechend notwendig aufeinander bezogen – was selbstverständlich nicht als abstrakte und konkretisierte Version des absolut gleichen zu verstehen ist.

In dieser Auslegung des Praxisproblemskonsttruktivistischer Theorie wird die Grundaussage „Gesellschaft ist nicht objektiv gegeben, sondern diskursiv, sozial konstruiert“ erweitert und ergänzt: Gesellschaft ist nicht objektiv gegeben, sondern diskursiv, sozial konstruiert. Nur wer – trotz aller Einschränkungen (ggf. theoretisch geleitet) – interveniert, hat die Chance auf Veränderung.“ Strategie handelt entsprechend im Modus des Als-ob. Suggeriert sich selbst mehr Wirkungskraft als theoretisch begründbar und erhält nichtsdestotrotz allein aufgrund dieser augenscheinlichen Negation der eigenen Begrenztheit die Chance auf Veränderung.

Sicherlich: die emergenten Dynamiken diskursiver Praxis erschweren es, eine geordnete und klare theoretische Diskussion zu führen. Recht schnell sind (zutreffende) Einwände zu erwarten, dass eine bestimmte Konkretisierung des theoretischen Modells theorieimmanent widersprüchlich ist. Verwehrt sich konstruktivistische Theorie aber demgegenüber der Praxis, so muss sie notwendig davon ausgehen, dass andere, konkurrierende Modelle den Möglichkeitsraum des Sozialen und damit das Soziale selbst prägen. Zudem wird eine künstliche Trennung zwischen Theorie und Praxis suggeriert, die den eigenen diskursiven Prämissen nicht entspricht.
Demgemäß ist der Weg in die Praxis für ein theoretisches Modell auch die (einzige) Chance, in der Breite soziale Wirkung zu entfalten und entsprechend das Soziale als Möglichkeitsraum aktiv beschreibend zu formen.

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